... kann es passieren, dass man wegen der vielen Großdrucke isländischer Landschaften zunächst glaubt bereits auf der Viva Touristika & Caravaning zu sein. Dann aber erinnert einen der futuristische Audi Pavillion an die gerade beendete IAA. Die Buchmesse also als Brückenevent zwischen fossilem Automobil und Urlaubszielpreisdrückern. Doch dann kommt alles anders.
Der Besuch im Dunkel des isländischen Pavillions mag einige an eine Videoinstallation von Bill Viola erinnern
Den abgedunkelten Pavillion unterteilen riesige Projektionen an mauerhohen Leinwänden in Räume und Gänge. Es ist als wandele man in der Bildpräsentation eines iPhones. Kopfhörer gibt es dazu auch. Und wer sich bei Island noch immer an viele ruhige Stunden des Lesens in überfüllten Flughafenlounges erinnert, bekommt auch prompt einen sonoren Vulkanausbruch aus vier Perspektiven in einer 360° Projektion in einem Kubus präsentiert. Wer sich rechts zwischen den Großprojektionen der in die Lektüre versunkener Menschen seinen Weg bis in die äußerste Ecke bahnt, findet sich in Wohnzimmern wieder, wie wir sie von den (Groß-)Eltern kennen. Es gibt Wein, Bier und Fischsuppe. Alles da um sich mittags einen gemütlichen Abend zu machen. Wer nach sovielen Eindrücken im Pavillion bereits spürt die Nacht durchgemacht zu haben, schleppt sich mühevoll bis zu den Sitzreihen vor einer Bühne hinter der zwei parellel laufenden Videos isländischer Landschaften gezeigt werden. Dazu klingt eine Stimme wie sie von Joachim Kerzel in einem Werbeclip für einen Bierhersteller zu hören war: "Vor millionen von Jahren entstand dieser Fleck Erde. Dreizehntausen Jahre floss unser Brauwasser durch Vulkangestein...". Wer dann noch halbwegs nüchtern ist, schafft es um 16 Uhr in Halle 6.1 D903 etwas über den sehr unverhältnismäßigen Aufwand und Verkaufserfolg von Apps und Epubs zu erfahren. Da gibt's Epub-adaptationen von bekannten Kinderbüchern bei denen Mama und Papa sich das Vorlesen ersparen können, alte Kinderbuchklassiker wie Ritter Rost denen früher eine CD mit Liedern beilag, lassen sich nun auf dem Ipad umwischen. Überhaupt scheint es im digitalen Segment vorwiegend um Kinderbücher für das childpad® zu gehen. Verschmieren erlaubt! Erwachsene scheinen für die ebook-Reader wenig empfänglich, dafür aber solche die es noch werden wollen: Studenten.
Bill Viola Stopping Mind, MMK Frankfurt am Main | Island Pavillion auf der Frankfurter Buchmesse 2011 |
Für jene Verleger die sich für diese Geräte interessieren, besser gesagt für deren Datei-Formate, findet sich eine gigantische Auswahl an Konvertierungsdienstleistern, Verkaufsplattformen und -konzepten. Für die verschiedenen Sparten des Ebooks bilden sich Plattformen die gar mit neuen kommunikationstheoretischen Begriffen auffahren. Da ist die Rede von Cogs, also kleinster Einheiten an Information eines Buchinhalts die bezogen werden können und von experts die mit anderen Cogs Verknüpft werden können. Bücher und deren Autoren sind nun experts, die ihr cogs - ihr Wissen - in Form eines Fragenkatalogs dem reading and answering dummy - also dem Leser - scheibchenweise verabreichern. Bei cognician.com gestaltet sich die Suche in einem expert wie ein i-phone chat, in dem zunächst eine Reihe von Fragen beantwortet werden müssen, um die geeigneten cogs zu erlangen. Zielloses durchblättern geht aber manchmal schneller und kann auch eine inspirierende Wirkung haben.
Ach ja! Lesen oder gelesen werden, bzw. entscheiden was gelesen werden soll, darum geht es hier eigentlich. Und Lesungen gibt es so viele, dass man das alles lieber später irgendwo nachliest.
Meine isländischen Gäste Runar und Gudthrun sind während ich sie durch Frankfurt geführt habe, auf ein stereotypisches Bild ihrer Heimat nach dem anderen gestoßen. Wie mag es wohl sein, wenn man eine Stadt irgendwo auf der Welt besucht und ständig blauweiße Fahnen, Fachwerkhäuser mit Geranien auf dem Balkon auf Bussen vorbeifahren sieht, die Museen Bilder von Kirchner und Instalationen von Beuys zeigen und mittags Späzzle serviert werden? Am Ende war Gudthrun jedoch recht zufrieden: "Niemand hat uns mit Wikingern genervt."